Bericht „Frankfurt Marathon 2012“

Frankfurt Marathon 2012Inzwischen ist es bereits über zwei Wochen her, dass ich den Frankfurt Marathon gelaufen bin. Meinen Bericht dazu wollte ich eigentlich schon viel früher schreiben, aber ich kam nicht dazu. Zwar war ich im Kurzurlaub und hatte danach viel um die Ohren, aber vielleicht lag es auch nur daran, dass ich das Erlebte erst einmal verarbeiten musste. Nun ist es jedoch soweit. Hier mein Bericht zu meinem zweiten Marathon.

Die Woche davor
Die letzte Woche der Vorbereitung war logischerweise nicht mehr so intensiv. Ich lief zwar drei Einheiten, doch diese waren relativ kurz und langsam. Lediglich eine kleine Intervalleinheit mit 3x1000m im MRT sorgte dafür, dass ich das angestrebte Tempo nicht ganz vergesse. Leider meinte mein rechter Oberschenkel, er müsste sich mal wieder bemerkbar machen und zwickte leicht. Ursache waren eventuell die kurzen Steigerungsläufe am Sonntag zuvor. Mit 25 Kilometern in den Beinen hatte ich es wohl ein wenig übertrieben. Daher ließ ich den geplanten langsamen 5km-Lauf am Tag vor dem Marathon ausfallen. Ich hatte eh bisher gute Erfahrungen gemacht, wenn ich 2-3 Tage vor dem Wettkampf nicht gelaufen bin.
Aber die Angst vor einer Verletzung war nicht die einzige Sorge, die ich hatte. Ich hatte ehrlich gesagt richtig Paranoia, dass ich kurzfristig krank werde. Aus diesem Grund nahm ich alles ein, was mein Immunsystem stärken und eine Erkältung / Grippe verhindern könnte. Diese Angst war psychisch ziemlich belastend. Nicht nur für mich.
Am Freitag holte ich bereits meine Startunterlagen ab, da ich in Frankfurt arbeite und es zudem nicht weit zu den Messehallen habe. Viel Zeit hatte ich nicht, um mich auf der Marathonmall umzusehen. Schade, denn es gab einige interessante Stände, die z.T. groß aufgemacht waren. Als ich gerade gehen wollte, traf ich zufällig Anna Hahner in Begleitung mit Thomas Dold, den ja bereits vom Messeturmlauf persönlich kannte. Wir quatschten eine Weile übers Laufen, was echt nett war. Bevor sie dann weiter zum Polar-Stand gingen, wünschten sie mir noch viel Erfolg. Danach machte ich mich dann auf den Heimweg.
Recht spät machte ich mir Gedanken über organisatorische Dinge. Wie und wann reise ich an? Was ziehe ich für die Hinfahrt an (es sollte ja kalt werden)? Was muss ich alles mitnehmen? Um nichts zu vergessen, machte ich mir eine Checkliste, auf die wichtigsten Dinge standen.
Aber da war noch ein Problem. Die Uhr wurde in der Nacht zum Wettkampftag umgestellt. Ich war so durcheinander, dass ich nicht wusste, wie ich meinen Wecker stellen musste. Um auf der sicheren Seite zu sein, habe ich kurzerhand zwei Uhrzeiten eingestellt.

Aufstehen & Anreise
Die Nacht war wie immer vor Wettkämpfen recht kurz. Die Aufregung sorgte mal wieder dafür, dass ich erst spät einschlafen konnte. Wenigstens klappte es mit dem Wecker und ich hatte ausreichend Zeit, mich startklar zu machen. Als Frühstück wählte ich meine bewährten zwei Scheiben „Leicht & Cross“ mit Honig. Auch der so wichtige Gang zur Toilette klappte ohne Probleme. Das war schon mal die halbe Miete.
Etwas unsicher war ich mir jedoch bei der Wettkampfkleidung und den Schuhen. Unter dem kurzen Laufshirt ein langes Funktionsunterhemd oder Funktions-Tank plus Armlinge von Skins? Letztere hatte ich mir kurzfristig dank eines Mysportbrands-Gutscheins bestellen können, den ich als Groupon Deal-Agent ergattern konnte. Ich beschloss, erst einmal beide Varianten mitzunehmen und vor Ort zu entscheiden. Bei den Schuhen war dies jedoch nicht möglich, da der offizielle Kleiderbeutel keinen Platz für ein Paar Schuhe zuließ. Adidas Adizero Tempo 4 oder Asics Gel DS-Trainer 16? Ich entschied mich nach langem Hin & Her für die Adidas. Vielleicht lag es am Namen (Tempo statt Training).
Schließlich wurde es dann doch noch knapp und ich erreichte gerade noch rechtzeitig meine Bahn. Von Mannheim ging es dann mit dem ICE recht entspannt nach Frankfurt, wo ich mich am Hauptbahnhof mit meinem Kumpel verabredete, der ebenfalls mitlief. Die Fahrt nutzte ich, um den Zeitmessungs-Chip am Schuh zu befestigen bzw. einzufädeln. Ich brauche immer ewig, bis ich diesen halbwegs gut und nicht störend angebracht habe. Kennt da jemand einen Trick?
Ich traf meinen Kumpel und wir fuhren gemeinsam mit der U-Bahn direkt zum Messeturm bzw. Festhalle. Hierfür wurden sogar zusätzliche Züge bereitgestellt, die höher frequentiert als sonst fuhren. Blöd war nur, dass wir beide pinkeln mussten. Mein Kumpel noch etwas dringender, als ich. Von der U-Bahn-Station war es jedoch nicht mehr weit bis zur Messehalle 1, wo man sich umziehen und die Kleiderbeutel abgeben konnte. Dort gab es auch Toiletten. Allerdings lohnte es sich, erst einmal quer durch die Halle zu den anderen Toiletten zu laufen, denn dort standen keine zwanzig Läufer an. Danach konnten wir erleichtert und entspannt mit dem Umziehen beginnen. Zeit war noch mehr als genug.

Vor dem Start
Die Schuhfrage hatte ich zum Glück bereits zu Hause lösen müssen. Doch die Wahl der Oberbekleidung stand dagegen weiterhin offen. Ein langes Funktionsunterhemd schien mir auf Dauer zu warm und fühlte sich zudem nicht schnell an. Die Armlinge fühlten sich dagegen wie eine zweite Haut und daher auch schnell an. Allerdings bin ich noch nie damit gelaufen. Ein Risiko, dass man bei einem Marathon eigentlich nicht eingehen sollte. Ich entschied mich dennoch für die Armlinge. Zur Not ziehe ich sie runter und stecke sie hinten in die Hose. Ich packte meine Sachen in den Kleiderbeutel, verstaute meine Gels in der kleinen, aber ausreichenden Gesäßtasche und aß noch einen halben Powerbar-Riegel. Wir gaben unsere mit der Startnummer versehenen Kleiderbeutel ab, was zu diesem frühen Zeitpunkt noch recht problemlos ablief. Die Ablagenboxen waren nach Startnummerbereiche unterteilt, die mit einem Plastikband abgesperrt waren. An sich wirkte dies gut organisiert, es waren meines Erachtens jedoch zu wenig Hilfskräfte im Einsatz, so dass sich auch mal schnell ein Läufer hinter der Absperrung befand und bei den Beuteln wühlte.
Danach begaben wir uns zum Ausgang in Richtung Startbereich. Je näher wir dem Ausgang kamen, desto mehr spürten wir die Kälte. In der Halle war es doch recht warm. Allerdings schien die Sonne und der Himmel war fast wolkenfrei. Immerhin kein Regen. Wir liefen uns ein wenig warm und wünschten uns gegenseitig viel Erfolg. Während ich mit meiner Zielzeit von Sub 3:30 dem BMW-Startblock zugeteilt wurde, durfte mein Kumpel aus dem Asics-Startblock vor mir loslaufen, da er eine Zeit unter 3 Stunden anpeilte.
Eine Viertelstunde vor dem Start ging ich noch schnell Pinkeln und reihte mich wieder rechtzeitig in meinem Bereich ein. So langsam wurde ich nervös. Ich hatte mir noch keine richtigen Gedanken gemacht, wie ich den Lauf angehen sollte. Recht spät, aber zu vieles Denken davor kann auch blockieren. Ich entschied mich, das erste Drittel nicht langsamer als 5:05 min/km im Schnitt zu laufen, aber auch nicht deutlich schneller als mein geplantes MRT (5:00 min/km). Ich machte meine Polar RS3GPS startklar, die jedoch nicht meine ist, da ich sie nur testen durfte. Eigentlich aufgrund der fehlenden Wettkampferfahrung damit auch ein Risiko, doch in den letzten Wochen kam ich gut mit ihr klar und ich hatte Vertrauen in sie.

Der Lauf – 1. Drittel
Endlich, der Startschuss fällt. Es dauert ein paar Minuten, bis ich loslaufen kann. Bei der Zeitmessungsmatte starte ich meine Uhr. Noch habe ich (nicht teure) Handschuhe an, die aber irgendwann wegwerfen werde. Die Zuschauer am Rand nehme ich nur halb wahr, da ich hochkonzentriert bin. Den Anfangskilometer kenne ich noch vom Vorjahr, wo ich Zuschauer war. Jetzt bin ich selbst auf der Strecke. Unglaublich. Dennoch verspüre ich keine richtige Vorfreude, sondern bin vielmehr nur gespannt, was mich auf den kommenden 42 Kilometern erwartet. Und wird mein Oberschenkel halten? Schon jetzt verspüre ich ein leichtes Spannen. Ich bin skeptisch. Dennoch mache ich Tempo. Entweder er hält oder er hält nicht.
Das erste Drittel ist unglaublich kurzweilig. Die Schleifen durch die Innenstadt nerven mich zwar, aber so ist zumindest eine gute Stimmung garantiert. Leider sind ein paar Kurven recht eng und es gibt einige Abschnitte mit Kopfsteinpflaster. Egal, Jammern hilft jetzt nicht. Außerdem könnten die Bedingungen auch schlechter sein. Zwar ist es fünf, sechs Grad zu kalt, aber es ist trocken und relativ windstill.
Der erste Versorgungsstand kündigt sich an und ich beschließe ein paar Schluck Wasser zu nehmen. Normalerweise nehme ich einen Becher, drücke ihn zusammen, sodass sich eine kleinere Öffnung ergibt, aus der es sich während des Weiterlaufens besser trinken lässt. Leider sind die Plastikbecher so zerbrechlich, dass das Wasser schneller aus den Rissen läuft, als ich den Becher zum Mund führen kann. So miese Becher hatte ich bisher bei noch keinem Wettkampf!
Immerhin fühlt sich mein Oberschenkel mit zunehmender Wettkampfdauer immer besser an. Dafür macht sich meine Blase bemerkbar. Dabei war ich doch noch kurz vor dem Start auf Toilette. Naja, vielleicht vergeht es auch wieder. Noch halten sich Schmerzen in Grenzen. Und wenn es dann doch zu unangenehm werden sollte, dann „mache ich den Fitschen“ und halte kurz an. Immerhin habe ich bereits einen schönen kleinen Zeitpuffer herauslaufen können. Ich laufe sehr konstant (wenn auch etwas schneller, als geplant) und das Drücken der Lap-Taste bei den Kilometermarkierungen klappt überraschend gut. Nur einmal übersah ich bisher ein Schild, die leider etwas klein und unscheinbar sind. Das erste Gel nehme ich bei Kilometer 10 (49:27) zu mir. Mit den zerbrechlichen Wasserbechern habe ich noch immer Probleme.

Der Lauf – 2. Drittel
Mist, meine Blase ärgert mich noch immer. So langsam wird es unangenehm. Soll ich, soll ich nicht? Es würde mit Sicherheit 20-30 Sekunden Zeit kosten. Wäre ärgerlich, aber mit diesem Druck läuft es sich nicht gut. Vor allem wenn ich daran denke, wie viele Kilometer noch vor mir liegen. Nein, die Pinkelpause muss jetzt einfach sein. Bei Kilometer 16 liegt auf der rechten Seite ein größerer Grünbereich mit Büschen, wo sich auch bereits einige Läufer erleichtern. Eigentlich nicht toll, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Der Läufer neben mir ist schon länger am Pinkeln und pinkelt auch noch, als ich weiterlief. Das waren gefühlte zwei Liter, die er sich da entledigte! Unglaublich.
Puh, der Druck ist endlich weg und ich kann mich wieder voll und ganz auf das Laufen konzentrieren. Das waren mir die 25 Sekunden wert, die ich hierfür einbüßte. Ich nehme bei Kilometer 20 (1:38:34) das zweite Gel zu mir und einen Kilometer später kann ich es kaum glauben, dass ich bereits die Hälfte (1:43:55) hinter mir habe. Zeitlich noch voll im Plan, trotz Pinkelpause. Die Beine fühlen sich gut an und auch die Luft ist noch vorhanden. Ich bin guter Dinge und halte das Tempo aufrecht. Dabei konzentriere ich mich auf den jeweiligen Kilometer vor mir und nicht die gesamte Restdistanz. Es läuft.
Autsch!! Was ist das?? Ich verspüre bei Kilometer 24 ganz plötzlich einen starken Schmerz im rechten oberen Bauchmuskelbereich. Krampf? Zerrung? Keine Ahnung. Jedenfalls so dermaßen schmerzhaft und unangenehm, dass ich kurz anhalten muss. Ich versuche durch Strecken die Stelle zu entkrampfen, was sich jedoch recht schwierig gestaltet. Ich laufe vorsichtig an. Gut, es geht wieder. Aber was zur Hölle war das? Hoffentlich kommt das nicht noch einmal, denn das nahm mir ganz schön die Luft.

Der Lauf – 3. Drittel
Inzwischen geht es von Kilometer 28-33 auf einer langen Geraden in Richtung Innenstadt zurück, deren Skyline noch in weiter Ferne ist. Wenig Zuschauer, öde Umgebung und teilweise leichter Gegenwind. Motivierend ist das nicht. Egal, da muss ich durch. Kaum gedacht, verspüre ich wieder diesen Schmerz am Bauchmuskel. Es fühlt sich an, als ob mir jemand ein Messer reinrammen würde. Ich muss kurz anhalten und warten, bis sich die Verkrampfung löst. Danach werfe ich meine Handschuhe weg (viel später, als geplant) und laufe weiter. Wenn das mit dem Bauchmuskel nicht besser wird, dann könnte es am Ende mit der Sub 3:30 knapp werden, zumal ich nicht weiß, ob ich auf den letzten 5-7 Kilometer mein geplantes Tempo noch halten kann. Bei Kilometer 30 (2:28:19) nehme ich mein drittes Gel zu mir.
Ich werde geringfügig langsamer, aber alles noch im grünen Bereich. Endlich geht es so langsam wieder in die Innenstadt. Das merkt man sofort, denn es sind mehr Zuschauer am Streckenrand, die einen anfeuern. Ich bin dennoch ein wenig enttäuscht, denn ich hatte mehr erwartet. Bei Kilometer 35 wieder ein Versorgungsstand, der in einer Kurve liegt. Ich nehme mein letztes Gel zu , greife einen Becher und nehme ein paar Schlücke, während ich weiterlaufe. Zack! Mein rechtes Bein rutscht auf den nassen, glatten Becher auf dem Boden weg und der rechte hintere Oberschenkel verkrampft. So ein Mist. Das fehlt jetzt noch. Ich muss kurz dehnen und laufe vorsichtig weiter.
Dann entdecke ich dann meine Frau am Streckenrand, die richtig glücklich ist, weil ich die 36km-Marke zum exakt vorhergesagten Zeitpunkt passiere. Nur weiß sie nichts von meinen aktuellen Problemen. Ich winke ihr zu und versuche mir nichts anmerken zu lassen. Leider geht es mir von hieran immer schlechter, was aber natürlich nichts mit meiner Frau zu tun hat. Im Gegenteil, sie sorgte nochmal für einen Motivationsschub, dass ich dran bleibe und sie nicht zu lange Ziel warten lasse.
Doch ich weiß, dass die letzten sechs Kilometer nun sehr hart werden können. Der Oberschenkel und auch der Bauchmuskel ärgern mich in immer kürzeren Abständen. So bin ich gezwungen, öfter anzuhalten, als mir lieb ist. Meine Kilometerzeiten fallen in den Keller. Frust kommt auf, denn meine Beine sind eigentlich noch in der Lage, das geplante Tempo zu laufen. Doch ein Marathon ist lang und da kann nunmal viel passieren. Die Zeit ist mir inzwischen fast egal. Hauptsache durchlaufen und ankommen. Ein Miniziel setze ich mir jedoch noch. Ich möchte nach Möglichkeit unter 3:37:50 bleiben, denn dann würde ich meine Bestzeit um über eine Stunde verbessern.
Ich quäle mich durch die Schleifen und über das Kopfsteinpflaster, das nicht gerade förderlich für meinen Oberschenkel ist. Die 40km-Marke passiere ich bei 3:23:05. Ich bin also drei Minuten über der Vorgabe. Doch das ist inzwischen nebensächlich. Ich muss gewaltig auf die Zähne beißen und hoffe, dass der Oberschenkel und der Bauchmuskel noch halbwegs bis ins Ziel halten. Mein Tempo wird dramatisch geringer. Schneller als 6:30 min/km ist aufgrund der häufiger werdenden Zwangsstopps nicht mehr drin.
Ich passiere Kilometer 41. Jetzt nur noch eine Rechtskurve und dann direkt auf den Messeturm zu, wo es dann links in die Festhalle geht. Doch 700 Meter vor dem Ziel der Super-GAU; der rechte hintere Oberschenkel verkrampft vollständig. Ich muss sofort anhalten und versuche zu dehnen. Doch ich bekomme das Bein nicht gerade. Ein paar Zuschauer feuern mich mit „Weiterlaufen, Christian“ und „Gleich hast Du es geschafft“ an. Nett gemeint, aber sie haben leicht reden. Mein Bein will nicht so, wie ich will. Von wegen die letzten Kilometer sind nur Kopfsache. An meinem Willen liegt es garantiert nicht, dass ich 700 Meter vor dem Ziel stehen bleibe. Ich könnte heulen. Das darf doch nicht wahr sein. Nicht 700 Meter vor dem Ziel! Ich sehe mich schon in einer enttäuschenden Zeit ins Ziel humpeln. Doch plötzlich löst sich der Krampf ein wenig und ich kann langsam weiterlaufen. Jetzt nur nicht übertreiben, denn ich möchte laufend ins Ziel.
Etwas verhalten biege ich beim Messeturm links ab in Richtung Festhalle. Ich spüre förmlich die Nähe zum Ziel. Die Zuschauer geben ihr Bestes und der rote Teppich lädt zur Festhalle ein. Nur noch wenige Meter, dann heißt es „genießen“. Ich laufe durch den Eingang sehe das Ziel vor mir. Die Atmosphäre ist einfach unglaublich! Roter Teppich, Licht-Spots, Glitzer-Konfetti, Musik, Zuschauer,… wow! Zwar hatte ich dies letztes Jahr bereits gesehen, jedoch aus der Sicht eines Zuschauers. Als Läufer ist das nochmal eine ganz andere Nummer. Ich schaue kurz auf die Uhr und habe die Gewissheit, dass ich mein Miniziel erreichen werde. Die Schmerzen sind kurzeitig vergessen, ich hebe die Arme und laufe mit einem Grinsen im Gesicht bei 3:37:34 durchs Ziel.

Im Ziel
Kaum habe ich die Ziellinie überschritten, werde ich von meinen Gefühlen überwältigt. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, bekomme ich völlig überraschend einen Heulanfall. Was ist mit mir los? Ist das Enttäuschung, Freude oder einfach nur Erleichterung? Ich bin so perplex, dass ich erst einmal einige Minuten brauche, bis ich diese Gefühle einordnen kann. Es ist wohl einfach nur die Anspannung der letzten Wochen, die sich in diesem Moment gelöst hatte. Ein schwer zu beschreibendes Gefühlschaos, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte. Wow.
Gerne hätte ich nun meine hart verdiente Medaille um den Hals, doch leider ist von einer Ausgabe noch nichts zu sehen. Ich werde gebeten, den Zielbereich zu verlassen, damit es sich nicht zu sehr staut. Durch eine breite Tür geht es in einen Vorraum der Festhalle. Doch auch hier ist nichts von Medaillen zu sehen. Frauen bekommen dagegen eine Rose überreicht. Ich gehe weiter zu den Ausgängen und erst dort gibt es die Medaille. Irgendwie etwas unglücklich gelöst. Dennoch nehme ich voller Stolz meine Medaille entgegen.
Im Runner’s Heaven schnappe ich mir eine Warmhaltefolie, hänge sie um und gehe zu den Versorgungsständen. Nach zwei Bechern eines Iso-Getränks nehme ich noch einen Tee mit, hole mir eine Banane, sowie zwei Stück Hefekuchen. Lange möchte ich mich hier nicht aufhalten, um nicht abzukühlen. Außerdem möchte ich meine Frau sehen, die mit Sicherheit in der Festhalle war. Ich verlasse den Runner’s Heaven und suche meine Frau.

Heimreise & Urlaub
Es dauerte eine Weile, bis ich in all dem Trubel meine Frau fand. Nachdem meine Suche minutenlang erfolglos blieb, begab ich mich zur Kleiderbeutelausgabe, um mit dem Handy meine Frau anzurufen. Erst dann hatten wir uns gefunden. Sie war richtig stolz auf mich, was mich echt gefreut hat. Wahrscheinlich war sie auch erleichtert, dass das Projekt Marathon nun endlich vorbei ist. Immerhin hat das Familienleben schon ein wenig darunter gelitten, wenn ich z.B. am Sonntag mal eben so 3,5 Stunden weg war. Nun werde ich aber die Sonntage wieder entspannter angehen.
Meinen Kumpel sah ich leider nicht mehr. Er war aber auch eine halbe Stunde vor mir im Ziel (auch wenn es nicht optimal lief, dennoch Glückwunsch!). Er lief übrigens im Brennr.de-Shirt, was ich sehr cool fand.
Ich zog mich um (was nicht einfach war, denn meine Beweglichkeit war ein wenig „eingeschränkt“) und begaben uns zum Ausgang. Schließlich mussten wir zu Hause noch Koffer packen, denn bereits am nächsten Tag ging es für vier Nächte nach Cochem an die Mosel. Außerdem wollte ich endlich sitzen. Daheim angekommen ging ich schnell duschen und fing an die Sachen für den Kurzurlaub zu richten. Zum Glück ging es mir deutlich besser, als nach meinem Marathon 2008. Ansonsten wäre ich keine Hilfe gewesen. Abends gab es dann eine extra große Pizza.
Die fünf Tage an der Mosel waren echt schön. Ich beschloss im Vorfeld, sie lauffrei zu halten. Zwar fühlte ich mich bereits am Dienstag wieder in der Lage zu laufen, aber es tat ganz gut, mal eine Laufpause einzulegen. Vor allem nach dieser intensiven Vorbereitung. Meine Frau und die Kinder hatten mich daher zu 100% zur Verfügung, was sie echt verdient hatten und auch ich sehr genoss. Der Kurzurlaub war eine echt gute Idee.

Fazit
Gleich vorab, ich bin zufrieden. Ich hatte mir zwar eine Zeit unter 3:30 vorgenommen, aber es sollte an dem Tag einfach nicht sein. Ein Marathon bringt immer Überraschungen mit sich, mit denen man im Vorfeld nicht unbedingt rechnet. Die Probleme mit dem Bauchmuskel und mit dem hinteren Oberschenkel kamen total unerwartet. Die letzten fünf Kilometer waren deswegen so quälend, dass ich mit der 3:37:34 noch gut weggekommen bin. Es ist zwar ärgerlich, dass meine Beine eigentlich in der Lage gewesen wären, das geplante Tempo aufrecht zu halten, aber es hätte auch schlechter laufen können. Das Wetter war zwar nicht optimal (mit 2-4 Grad etwas zu kalt), aber es war immerhin trocken. In der Vorbereitung blieb ich verletzungsfrei und gesund. Mein vorderer Oberschenkel muckte zwar in den letzten Tagen etwas rum, doch er hielt durch. So gesehen darf ich mich nicht beschweren. Für eine Sub 3:30 hätte alles passen müssen. Das wusste ich aber bereits im Vorfeld. Daher bin ich auch nicht enttäuscht. Wieso auch? Ich habe meine bisherige Bestzeit um über eine Stunde verbessert! Das können bestimmt nicht viele von sich behaupten.
Der Lauf an sich hat Spaß gemacht, auch wenn ich die Streckenführung zum Teil ein wenig unglücklich finde. Dafür ist jedoch der Zieleinlauf einfach gigantisch! Ich denke, die Wahl für meinen zweiten Marathon war gut getroffen. Mit der Organisation bin ich größtenteils sehr zufrieden. Die Startnummerausgabe, die Kleiderbeutelabgabe, der Start in drei Wellen, der schnelle Ergebnis- und (leider zu teure) Bilderservice, das hat gepasst.
Gestört haben mich die engen Schleifen, die Abschnitte mit Kopfsteinpflaster, die Strecke zwischen Kilometer 23-34, die etwas zu unauffälligen Kilometerschilder und die zu dünnen Plastikbecher. Etwas schade fand ich auch, dass ich nicht direkt im Ziel die Medaille bekam, sondern erst viel später.
Und nun? Gute Frage. Mit Marathon war es das dann erst einmal für eine ganze Weile. Der Aufwand ist einfach zu groß für mich als zweifacher Familienvater und Pendler. Doch zumindest habe ich jetzt keine Angst mehr vor der Distanz, sondern „nur“ noch Respekt. Ich werde nun das Jahr gemütlich ausklingen lassen. Zwar habe ich mir für 2013 bereits Gedanken gemacht, aber da ist noch nichts konkret. Eventuell greife ich meine PB auf 10km an, ansonsten maximal Halbmarathon. Das ist abbildbar. Ein Marathon kommt erst wieder in Frage, wenn ich von meiner Familie das „Ok“ dazu habe. Zwar erreiche ich vom Alter her gerade meinen Zenit, was die maximale Leistungsfähigkeit im Ausdauerbereich betrifft, aber ich bin mir sicher, dass ich mein Potenzial noch längst nicht völlig ausgeschöpft habe. Das ist ja das Gute am Laufen, dass man auch noch mit 40 Jahren (und älter) neue Bestzeiten laufen kann. Und das sind doch schöne Aussichten.

PS: Vielleicht schreibe ich nun erst einmal ein Buch „Wie ich in 4 Jahren meine Marathonbestzeit um 1 Stunde verbesserte“… 😉

runalyze.de42,20 km Wettkampf am 28.10.2012

3:37:345:09/km154bpm64 hm

http://runalyzer.brennr.de/shared/p1

Bilder:

11 Kommentare zu “Bericht „Frankfurt Marathon 2012“

  1. Christian

    Gratuliere zu deiner Super Zeit.
    Sehr emotionaler Bericht in den ich mich gut reinfühlen kann.

    Ich wollte bis zu meinem 50er auch noch einen Marathon laufen, bin aber derzeit davon abgekommen. Du hast auch Gründe genannt (Familie). Halbmarathons sind auch schön 😆

    Alles Gute für deine weitere Laufplanung.

  2. Schmacko

    Sensationelle Leistung, Christian! Die Verbesserung ist gigantisch!

    War ein toller Tag und hat viel Spaß gemacht – einfach genial!

    Diese Momente beim Überschreiten der Ziellinie gehören uns Läufern ganz alleine – mit keinem Geld der Welt kann man diese kaufen!

    Schmacko

  3. Laufhannes

    Lieber Christian,

    herzlichen Glückwunsch auch jetzt noch einmal zu deinem Ergebnis. Die deutliche Verbesserung ist klasse – war aber auch zu erwarten bzw. notwendig.

    Dass es aber tatsächlich in Richtung 3:30 hätte gehen können, Hut ab. (Und dass es das hätte werden können, da sind wir uns wohl einig)

    Gegen die Probleme war dann nicht mehr viel zu machen. Auch ein Makau hatte ja zu kämpfen 😉 Da zeigt sich dann eventuell doch die Kälte.

  4. Supermario72

    Hallo Christian,

    sehr schöner Bericht über eine hervorragende Leistung! Ein wenig schade zwar, dass Du aufgrund diverser Probleme nicht ganz das gesteckte Ziel erreichen konntest, aber Du hättest es allemal drauf gehabt. Da bin ich mir sicher!

    Insofern schade auch, dass Du das Projekt „Marathon“ jetzt erstmal wieder an den Nagel hängst, denn ich denke, da könnte sich nun wirklich richtig was entwickeln. Allerdings weiß ich ja selbst wie es ist, neben Job und Familie das Laufen ambitioniert zu betreiben. Daher kann ich Deine Entscheidung absolut nachvollziehen.

    Also – meinen ganz herzlichen Glückwunsch! Es hat Spaß gemacht, Deine gesamte Vorbereitung und nicht zuletzt auch das Hauptereignis virtuell miterleben zu dürfen. Das sind mir die liebsten Blogs, wo es um die pure Sache – nämlich das Laufen in Form von Training und Wettkämpfen – geht!

    Grüße aus Köln!
    Mario

  5. Running Twin Marek

    Christian, herzlichen Glückwunsch zu dem starken Ergebnis. Die 03:30h waren diesmal wirklich drin – das hätte ich ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten vorher. Das zeigt, dass das Training gut angeschlagen hat und du top vorbereitet warst. Dass es am Ende aufgrund der Probleme nicht ganz zum Optimalziel gereicht hat – Schwamm drüber!

  6. Bee

    Ich habe mir den für nächstes Jahr auch vorgenommen … es wäre mein erster Marathon und ich bin noch immer auf der Suche nach dem letzten Push, damit ich es mir auch wirklich zutraue. Danke für den ausführlichen Bericht, Glückwunsch zu dem guten Finish, wenn auch nicht ganz wie erhofft und eine gute Grundlagenzeit über den Winter. Ich bin in meinen Gedanken jetzt auch ein Stückchen weiter.

    Happy Running,
    Bee

  7. Andreas

    Glückwunsch! Und die 3:30 knackst du dann irgendwann später. Muss ja nicht gleich nächstes Jahr sein… die gute Vorbereitung hat sich auf jeden Fall ausgezahlt.

  8. Ruben

    Gratulation Christian. Schade, dass es nun an solchen unkalkulierbarkeiten wie Bauchmuskeln und Krämpfen scheiterte, dass es nicht dein anivisiertes und eigentlich auch gut machbares Ziel erreicht hast… respekt an deine Konsequenz mit dem Trainingsplan – ich hatte ja meine Zweifel ob du mit den 3:30 bei deiner aktuellen HM-Bestzeit nicht zuuu optimistisch bist aber du hast ja defintiv bewiesen, dass du dich damit sehr realistisch eingeschätzt hast.

  9. Chris

    Gratulation zu deinem speziellen Sieg über dich, deine Beine und deinen Bauch! Toll, dass du es trotz allem gut geschafft hast!

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