Mein erster Marathon!

Finisher-MedailleAm Sonntag hatte ich ja bereits kurz von meiner überstandenen Marathonpremiere berichtet. Für einen ausführlichen Bericht wollte ich mir jedoch ein wenig Zeit lassen, denn ich mußte das Erlebte erst einmal verarbeiten. Nachdem ich mich erst einmal erholt habe, blickte ich nun zurück.

Die Stunden zuvor
In der Nacht vorm Wettkampftag schlief ich eigentlich relativ normal. Meine Frau kümmerte sich um unseren Sohn und ich konnte so ca. 2 Stunden länger schlafen. Ich ging den Tag ganz locker an und zu Mittag (13 Uhr) aß ich Spaghetti mit Pesto. Ich wollte ja schließlich noch ein wenig meine Kohlehydratspeicher auffüllen. Gegen 16.30 Uhr habe ich mich dann umgezogen.

Die Anfahrt
Um 17 Uhr fuhr mich meine Frau zum Wasserturm. Zumindest hatten wir das vor. Es waren deutlich mehr Straßen gesperrt, als auf den Schildern beschrieben war. Aber sie kannte sich aus und wußte, wie man am besten nah an den Wasserturm kommt. Dort war ja Start und Ziel.

Vor dem Start
Ich ging zunächst in den Rosengarten, da ich meinen Zeitmessungs-Chip noch einmal testen wollte. Doch das war nicht möglich. Naja, die Dinger sind ja bekanntlich wartungsfrei. Von daher ist eine Überprüfung eher unnötig. Also machte ich mich auf Richtung Startblock. Doch so einfach war das nicht. Der Veranstalter baute eine kleine Füßgängerbrücke auf, über die man zu den Startblöcken gelangen konnte. Ursache allen Übels war ein seitlicher Zugang der Inlineskater zum Start. Das war sehr unglücklich gelöst, da man so ganze zwanzig Minuten warten mußte, bis man über die Brücke kam. Nachdem ich drüber war, suchte ich den Block A3. Aber die Absperrungen machten es nicht einfach, dahin zu kommen. Positiv war dann aber, daß ich dort Benjamin & Daniel von run4miles traf, die sich ja für den Duo-Marathon angemeldet hatten. Benjamin war der Startläufer und ich wartete mit ihm zusammen auf den Startschuß. Die Wartezeit überbrückte ich damit, daß ich mit einem Eding die Namen von meinem Sohn und von meiner Frau auf meine Unterarme schrieb. Dies war eine Art Dankeschön dafür, daß sie in letzter Zeit oft auf mich verzichten mußten.

Der Start
Plötzlich ging es los. Der Startschuß fiel. Ich machte noch schnell meinen iPod startklar und die Masse lief langsam an. Auf dem ersten Kilometer wurde man richtig toll von den Zuschauern angefeuert. Ich achtete sofort darauf, daß ich es nicht zu schnell anging. Benjamin war natürlich schneller unterwegs, da er ja ein anderes Ziel verfolgte. Wir wünschten uns noch gegenseitig viel Glück und weg war er.

Kilometer 1-10: „Alles normal“
Die ersten zehn Kilometer verliefen eigentlich richtig gut. Ich konnte mich gut zurückhalten und war nicht zu schnell. Zwischen Kilometer 8 und 9 warteten mein Sohn, meine Frau und ihre Oma am Straßenrand auf mich, um mich anzufeuern. Mein Sohn hielt dabei ein Schild in der Hand und war sichtlich verdutzt, als er mich zwischen all den Läufern entdeckte. Bei Kilometer 10 nahm ich die Versorgungsstelle in Anspruch und trank ein isotonisches Getränk. Eigentlich hieß es, daß es an dieser Stelle Caps geben würde, aber das stimmte nicht.

Kilometer 11-21: „Noch im Soll“
Bis Kilometer 16 lief alles noch planmäßig. Allerdings bemerkte ich, daß mein iPod bzw. das Nike+ SportKit nicht genau war. Ich hatte bereits jetzt eine Abweichung von 300-400 Metern. Das bedeutete dann auch, daß ich mich auf die Geschwindigkeitsansage nicht verlassen konnte. Ab Kilometer 16 ging es Richtung Kurt-Schuhmacher-Brücke, die Mannheim mit Ludwigshafen verbindet. Da warteten 2-3 Kilometer fieser und stetiger Anstieg auf mich. Ich mußte langsam machen, da es ansonsten zuviel Kraft gekostet hätte. Zwischen Kilometer 18 und 19 ging es endlich wieder abwärts. Doch anstatt mich besser zu fühlen, fühlte ich mich plötzlich ein wenig platt. Dennoch überquerte ich die Halbmarathonmarke in ca. 1:57’30“ und hatte somit 2 1/2 Minuten Puffer.

Kilometer 22-27: „Muskuläre Probleme
Leider verging das platte Gefühl nicht mehr. Im Gegenteil. Es kamen noch muskuläre Probleme hinzu. Mein rechter Oberschenkel schmerzte und verhärtete sich. Ich machte etwas langsamer, in der Hoffnung, daß sich die Verhärtung wieder rauslaufen würde. Doch dem war leider nicht so. Es wurde schlimmer. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, aufzuhören. Die Zuschauer in Rheingönheim waren allerdings klasse und ich lief weiter.

Kilometer 28-38: „Highway to Hell“
Von Kilometer 28 an lief ich in ein richtiges Tief. Ich bekam die ersten Wadenkrämpfe. Auch die tollen Zuschauer und Anwohner in Niederfeld konnten mir da nicht weiterhelfen. Ich mußte erste Gehpausen einlegen, um die Muskulatur zu entlasten. An Flüssigkeitsmangel konnte es nicht gelegen haben, da ich an den Versorgungsstellen regelmäßig genug (aber auch nicht zuviel) zu mir nahm. Meine Psyche war dementsprechend angeknackst und ich hätte am liebsten aufgehört. Doch ich wollte nicht, daß all die Vorbereitung und der Aufwand vergebens war. Außerdem wartete meine Frau mit ihren zwei Freundinnen bei Kilometer 34 auf mich. Allerdings war ich schon jetzt so dermaßen hinter der geplanten Zeit, daß meine Frau dachte, sie hätte mich verpaßt und fuhr zum Ziel, um mich dort nicht auch noch zu verpassen. Daß ich sie bei Kilometer 34 nicht sah, war nicht gerade gut für meine Psyche. Aber ich vermutete bereits, daß sie weg ist, weil ich ihr andere Zeiten nannte. Ohne ihre Anfeuerung mußte ich dann zum zweiten Mal die Kurt-Schuhmacher-Brücke überqueren. Zuvor nahm ich bei der Versorgungsstelle aus lauter Verzweiflung ein Powergel zu mir, was ich bis dato noch nie probiert hatte. Ich wußte, man soll keine Experimente versuchen, aber bei meinem Zustand ging ich das Risiko ein, daß es mein Magen eventuell nicht gut verträgt. Mit einem Becher Wasser zum verdünnen ging es dann weiter. In Ludwigshafen waren leider echt nicht viele Zuschauer am Straßenrand. Es war halt bereits später Abend. Dieses Mal war die Brücke zwar immer noch anstrengend, aber die Steigung kam mir etwas kürzer vor. Aber ich möchte es jetzt nicht verharmlosen. Die Brücke ging an die Substanz und ich mußte mehrere Gehpausen einlegen. Bei Kilometer 36 nahm ich meine Kopfhörer und warf sie weg. Ich konnte keine Musik und vor allem keine Zeiten mehr hören. Ich wollte nur noch ins Ziel. Egal wie, egal welche Zeit.

Kilometer 39-42: „Aufgegeben wird nicht“
Bei Kilometer 39 hatte ich die Brücke hinter mir und lief Richtung Wasserturm (Ziel). Die Streckenführung ist jedoch so dermaßen fies, daß sie noch einmal eine Schleife macht und man vom Wasserturm (und somit auch vom Ziel) weg läuft. Das war mein Todesstoß! Diese letzten drei Kilometer waren hart. Sehr hart. So etwas habe ich noch nie erlebt. Nicht einmal ansatzweise. Aber mein Wille war stärker und ich quälte mich mit letzter Kraft über die Augustaanlage. An der letzten Versorgungsstelle trank ich einen Becher Cola. Soll ja zum Schluß nicht schlecht sein. Bei einer Gehpause hielt ein Läufer neben mir und motivierte mich, zusammen mit ihm noch einmal leicht anzutraben. Das war echt nett von ihm und ich machte mit.

Der Zieleinlauf
Endlich hatte ich das Ziel vor Augen. Nur noch wenige hundert Meter trennten mich von meinem hart verdienten Lohn, der Ruhm und der Ehre. Die Zuschauer peitschten einen richtig an. Auf der Zielgeraden war natürlich deutlich mehr los, als auf den letzten zehn Kilometern zuvor. Dann der Horror! Etwa zwanzig Meter vor dem Ziel bekam ich einen Krampf. Aber ich wollte alles, nur nicht gehend über die Ziellinie. Also biß ich auf die Zähne und irgendwie schaffte ich es leicht trabend ins Ziel. In dem Moment, als ich die Ziellinie überquerte, fühlte ich mich wie befreit. Die ganzen Qualen und Schmerzen waren in dieser einen Sekunde weg. Zwar nicht vergessen, aber ich spürte sie nicht mehr. Ich war mir bewußt, daß ich (für mich persönlich) etwas ganz Großes geleistet habe. Mein Wille hat sich gegen das schwache Fleisch und den Schmerz durchgesetzt!

Nach dem Lauf
Wenige Sekunden nach dem Zieleinlauf spürte ich jedoch, wie kaputt ich war. Ich konnte nicht mehr weiter gehen und mußte erst einmal kräftig durchatmen. Ich schaute mich nach meiner Frau um, aber ich konnte sie leider nicht finden. Dann sah ich Benjamin und Daniel. Sie warteten tatsächlich die ganze Zeit im Ziel auf mich. Von Daniel bekam ich die Finisher-Medaille umgehängt. Sie beglückwünschten mich und fragten nach meiner Zeit. Darauf hatte ich gar nicht geschaut und mußte mich erst einmal umdrehen, um die Uhr zu sehen. Dort stand 4:40’00“ oder so. Anschließend kümmerten sie sich echt nett um mich. Sie besorgten mir etwas zu trinken und zu essen, denn ich war einfach zu kraftlos. Dann schoß mir in den Kopf, daß sich meine Frau bestimmt große Sorgen macht, da ich ja viel später als vorgesehen ins Ziel kam. Aber wir hatten kein Handy. Wir gingen in den Rosengarten, da ich mich hinsetzen mußte. Dort fragte ich eine Frau, ob ich ihr Handy haben könnte. Sie war echt nett und ließ mich meine Frau anrufen. Fünf Minuten später war sie dann da. Ich sah ihr an, daß sie besorgt war. Aber sie war auch erleichtert, mich endlich zu sehen. Plötzlich fingen meine Hände an zu zittern und mir wurde schlecht. Kurz darauf mußte ich mich übergeben. Zum Glück saß ich neben einer Mülltonne. Danach ging es mir wieder besser. Meine Frau holte zwei Sanitäter, die mich dann zur Sicherheit mit einer Trage in den Sanbereich trugen. Daniel machte noch ein Bild von mir und ich verabschiedete mich von ihnen. Im Sanbereich bekam ich dann meinen Blutdruck und meinen Puls gemessen. Alles ok. Nur ich war etwas unterkühlt und hatte nun wieder Krämpfe. Also ging es weiter zum Massagebereich. Ohne mich anstellen zu müssen, wurde ich sofort betreut. Ein Masseur kümmerte sich um meine Beine, während zwei Mädels dafür sorgten, daß meine Körpertemperatur wieder ansteigt Ein Schelm, der Böses dabei denkt! Meine Freundin stand die ganze Zeit daneben. Dann kam noch ein drittes Mädel dazu, das mir meine Füße massierte. Ich war also gut versorgt. Man nahm sich echt Zeit und irgendwann kam mein Schwager, der uns abholte. Zuhause angekommen, wurde ich dann noch von meiner Frau mit einer muskellockernden Lotion eingerieben und massiert. Dann ging es ins Bett. Trotz totaler Erschöpfung und Müdigkeit konnte ich erst einige Zeit später einschlafen.

Der Tag danach
Meine Frau ließ mich dankenderweise ausschlafen und kümmerte sich um unseren Sohn. Als ich aufwachte, verspürte ich einen extremen Muskelkater. Ich konnte nur sehr langsam gehen. Treppen waren der Horror. Dann stellte ich mich auf die Waage. Sie zeigte 87,2 Kg an. Vor dem Marathon wog ich 91,7 Kg. Wow! Den halben Tag verbrachte ich auf der Couch. Gegen späten Nachmittag konnte ich dann aber doch noch aus dem Haus. Die frische Luft tat gut.

Ursachensuche
Ich fragte mich natürlich, wie es zu dem unerwarteten Leistungseinbruch kommen konnte. War ich im Training zu schnell? Fehlte der eine 32km-Lauf? Trank ich zu wenig? Oder zuviel? Oder vielleicht auch das Falsche? War es das schwüle, feuchte Wetter? Oder weil es abends war? Oder hatte ich einfach nur einen schlechten Tag? Es ist wahrscheinlich unmöglich, die tatsächliche Ursache ausfindig machen zu können.

Mein Fazit
Auch wenn ich mein ursprüngliches Ziel (unter vier Stunden) deutlich verfehlt habe, bin ich auf meine erbrachte Leistung stolzer, als wenn ich ohne Probleme unter vier Stunden ins Ziel gekommen wäre. Dieser Marathon war eine Erfahrung für mich, die ich nur schwer beschreiben kann. Ich bin jetzt zwar kein anderer Mensch, aber ich weiß nun, zu was ich in der Lage bin, wenn mein Wille nur stark genug ist.

Und nun?
Hm, schwierig zu sagen. Einerseits habe ich mein primäres Ziel (Marathon finishen) erreicht. Aber nach diesem etwas unglücklichen Verlauf, bleibt natürlich die Frage offen, welche Zeit ich tatsächlich laufen könnte. Aber ich möchte mich jetzt nicht voreilig für einen zweiten Marathon entschließen. Dafür ist das Erlebte noch zu frisch. Ich gebe mir für diese Entscheidung noch etwas Zeit. Außerdem möchte ich das auch mit meiner Frau besprechen, da so eine Vorbereitung doch recht zeitaufwendig ist. Mal sehen.

Dankeschön!
An dieser Stelle möchte ich ein paar Menschen danken, die mich unterstützt haben:
Leon, Laura, Benjamin, Daniel, Angi, Sandra, Sascha und zu guter Letzt: meinen Lesern! Ihr seid Brennr.de! 😀

Bilder
Kilometer 39 Kilometer 39 Zieleinlauf Zieleinlauf Medaille Schmerz geht - Stolz bleibt! Leon mit Schild Vater & Sohn Waage danach Streckenverlauf

14 Kommentare zu “Mein erster Marathon!

  1. Sascha

    Ich muss sagen…ich bin sprachlos!
    Hast ja echt mit dir zu kämpfen gehabt! Aber geil das du dúrchgehalten hast.
    RESPEKT!!! Wie lange hat der Muskelkater denn angehalten? 🙂

  2. Benjamin

    Auf den Bericht habe ich gerne so lange gewartet! Wie können wir Dich motivieren, damit Du noch einen läufst?? Läufst Du in Karlsruhe im September den Ganzen oder den Halben?

  3. markus

    Noch einmal herzlichen Glückwunsch zum erreichten. Wenn ich das so lese, dann ist ein Halbmarathon nichts dagegen.

    Hoffentlich bleibst du dem Laufsport treu! 🙂

  4. Andreas

    Toller Bericht! Und es bewahrheitet sich immer wieder: ein Marathon ist nicht einfach zwei Halbmarathons, zumindest nicht bei einem Debüt…

  5. Laura

    Hallo Schatz,

    ich bin sicher, dass du noch einmal einen Marathon laufen wirst. So viel investierte Zeit und Kraft und dann bleibt das angestrebte Erfolgserlebnis (das Erreichen der ach so wichtigen Zeit) aus. Ich weiß, dass du erst dann mit dir zufrieden bist, wenn alles so läuft, wie du es dir vorgestellt hast. Und ich bin sicher, dass du das auch schaffen wirst.
    Nichts desto Trotz bin ich unheimlich stolz auf dich und habe enormen Respekt vor so viel sportlichem Ehrgeiz, der bei mir ja nur in Spuren vorhanden ist 😉

    Deine Laura

  6. Christian

    Ein schöner Bericht, auch wenn’s schon beim Lesen wehtut. Wie schlimm war es dann wohl erst so einen Lauf durchbringen zu müssen? Respekt, dass du das durchgezogen hast!

  7. Hannes

    Ein wirklich schöner Bericht. Noch einmal herzlichen Glückwunsch zu deinem erfolgreichen Kampf. Alle Achtung, dass du das durchgehalten hast!

  8. Torsten

    Hi Christian,

    toller Bericht und noch besserer Lauf, dicken RESPEKT für deine Leistung. Das nenne ich mal Willensstärke. Mach weiter so, beim nächsten Marathon erreichst du bestimmt auch dein Zeitziel.
    Gruß
    Torsten

  9. stevo

    Glückwunsch! Das klingt mehr nach einer Schlacht als nach einem Lauf 🙂 Aber ich freu mich für dich, das du bis zur Ziellinie durchgehalten hast. Schöne Fotos sind das. Die Laufkurve würd mich auch interessieren 🙂

  10. Riz

    Sehr schöner Bericht! Habe mit Dir gelitten. Respekt, dass Du durchgehalten hast. Du bist in Marathoni !!! Herzlichen Glückwunsch ❗

  11. Ama

    Na denn mal Gratulation zum ersten Marathon und vor allem zu der Leistung und Willenskraft. ❗
    Mir reicht erst mal der Halbmarathon den ich hoffentlich im Septmeber endlich in Karlsruhe laufen werde… Vielleicht sieht man sich ja 😉 Hast du in Karlsruhe eigentlich vor den Halbmarathon oder den ganzen Marathon zu laufen?

    Ich hab übrigens auch einen Laufblog: http://lisa-rennt.blog.de

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