Die Wade der Nation

Die Wade der NationOk, die Nation mag meine Wade wohl weniger interessieren ;), doch die Ungewissheit bzgl. der Heilungsdauer ist vergleichbar zu Ballack im Vorfeld zur Fußball-WM 2006. Eine Wadenverletzung gefährdete seine Teilnahme. Und auch bei der EM 2008 kam ihm die Wade wieder in die Quere. Bei mir ist es nun ähnlich. Ich zog mir 2009 bei einem Wettkampf einen Muskelfaserriss in der linken Wade zu. Dieser hatte eine dreimonatige Leidenszeit mit sich gezogen, denn nicht nur die Wade war verletzt, sondern (wohl) auch die Achillessehne entzündet (Achillodynie). Damals versuchte ich echt alles, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Ohne Erfolg. Ich musste mich gedulden. Es waren harte, verdammt harte drei Monate, bis sich die Muskulatur regenerierte. Seitdem habe ich mehr auf das Dehnen geachtet; vor dem Laufen etwas leichter und danach intensiver. Und jetzt? Schon wieder Probleme mit der linken Wade.

Was ist passiert?
Vor elf Tagen hatte ich einen regenerativen Lauf auf dem Plan. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich gut in Form und ich achtete auch darauf, die langsamen Läufe nicht zu vergessen. Gerade Ende 2011 und Anfang 2012 war ich viel zu schnell unterwegs. Nun wollte ich mit mehr Sinn trainieren, um auch einem Übertraining vorzubeugen. Wie bereits erwähnt, wollte ich an diesem Tag (übrigens Freitag der 13.) einen 8-10 Kilometer langen regenerativen Lauf mit um die 6 min/km absolvieren. Nach kurzem Dehnen ging ich es langsam an und dennoch schnellte mein Puls nach wenigen Metern ungewöhnlich in die Höhe (162 bpm). Ich hielt kurz an und wartete, bis sich der Puls wieder beruhigte. Dann lief ich wieder langsam los. Doch schon wieder hatte ich einen Puls von bis zu 167 Schlägen. Normal wären bei diesem Tempo eigentlich 120-125 Schläge. Ich hielt nochmals an und wartete, bis mein Puls bei 65 Schlägen war. War mein Puls tatsächlich so hoch oder handelte es sich eventuell nur um eine fehlerhafte Messung (was gelegentlich gerade zu Beginn der Läufe schon mal vorkommt)? Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich etwas gestresst in den Lauf ging. Daher achtete ich jetzt nur noch auf den Puls und wollte ein wenig abschalten. Der Puls normalisierte sich und ich lief meine gewohnte Strecke. Doch nach zwei Kilometern verhärtete sich meine linke Wade. Es fühlte sich wie ein leichter Krampf an. Ich dachte mir nichts dabei und ging davon aus, dass sich die leichte Verhärtung mit der Zeit rauslaufen würde. Ich hatte ja keine Schmerzen. Doch die Verhärtung wurde zunehmend ein wenig stärker. Und so entschied ich mich, den Lauf nach 6 Kilometern abzubrechen. Auf intensives Dehnen verzichtete ich, um eine eventuelle Verletzung nicht zu verschlimmern.

Mögliche Ursachen?

  • Ich war etwas perplex, dass mich gerade bei einem regenerativen Lauf eine Verletzung heimsuchte. Keine extreme Belastung, kein zu schnelles Angehen, ganz ohne Ankündigung (wie z.b. 2009, als ich die Signale ignorierte). Am Montag lief ich eine lange Einheit (24 km in 5:36/km) und am Mittwoch einen Tempodauerlauf (10 km in 5:00/km). Alles ganz normal und mit jeweils einem Tag Pause dazwischen. Dennoch könnte ein Übertraining eine mögliche Ursache sein. Ich hatte ab März meine Umfänge erhöht und lief in der Woche 10 Kilometer mehr, als in den Monaten zuvor. Ich empfand dies jedoch nicht als Mehrbelastung, da ich ja auch langsamer lief. Aber vielleicht täuschte ich mich.
  • Eine weitere Ursache könnte ein Laufschuh sein. Ich durfte ja den noch nicht erhältlichen „Saucony ProGrid Kinvara 3“ testen. Ein minimalistischer Neutralschuh, der eigentlich nichts für mich ist, da ich normalerweise eine leichte Pronationsstütze benötige. Doch beim Laufen hatte ich nicht das Gefühl, als würde diese Stütze fehlen. Ich spürte zwar, dass der Schuh die Muskulatur etwas mehr fordert, aber daher bin ich auch keine langen Einheiten damit gelaufen. Dennoch könnte ich eventuell meine Muskulatur überfordert haben.
  • Als letzte mögliche Ursache könnte etwas ganz anderes in Frage kommen; mein Rücken. Ich schlief in den letzten Wochen schlecht und hatte mal wieder Schmerzen im rechten Lendenwirbel- bzw. Kreuzbeinbereich. Vielleicht führte eine Schonhaltung dazu, dass meine linke Wade zu stark belastet wurde.

Gegenmaßnahmen?

  • Magnesium: Mein erster Gedanke war, dass ich aufgrund des gesteigerten Trainingumfangs vielleicht einen Magnesiummangel habe. Krämpfe sind hierfür ja bekanntermaßen mögliche Anzeichen. Seitdem nehme ich täglich 400mg ein. Wirkung: keine.
  • Voltaren: Bei Zerrungen und Entzündungen wird von den Ärzten Voltaren empfohlen. Ich habe dies sowohl als Gel direkt auf die Wade, als auch in Tablettenform angewandt. Wirkung: keine.
  • Schüssler Salze: Meine Frau machte mich auf „Schüssler Salze“ aufmerksam. Die „Nr. 7“ ist bei Schmerzen und Krämpfen einzunehmen und enthält Magnesiumphosphat. Am besten vor dem Schlafen 10 Tabletten in heißem Wasser auflösen und schluckweise trinken. Wirkung: keine.
  • Spascupreel: Bei meiner verzeifelten Internet-Suche stieß ich auf einen Gehimtipp, der angeblich von Dr. Müller-Wohlfarth stammt. Das homöopathische Mittelchen nennt sich Spascupreel und soll neben Magenbeschwerden auch bei Muskelverhärtungen helfen. Wirkung: keine.
  • Kompression: Laut PECH-Regel soll Kompression helfen. Daher habe ich nachts und tagsüber Kompressionsstrümpfe getragen. Ich muss sagen, es fühlte sich sehr angenehm an. Doch die Beschwerden blieben. Wirkung: tagsüber schmerzlindernd.
  • Heiße Bäder: Nachdem anfangs Wärme eher vermieden werden sollte, nahm ich nach ein paar Tagen auch mal ein heißes Bad, um die Muskeln zu lockern und die Durchblutung anzuregen. Die Wade lockerte sich zunächst ein wenig, wurde aber kurze Zeit später wieder hart. Wirkung: kurzfristig leichte Besserung.
  • Massage: Mit durchblutungsförderndem Öl und einer leichten Massage versuchte ich die Verhärtung wegzumassieren. Wirkung: keine.

Und nun?
Tja, es sieht nicht gut aus. Die Schmerzen bzw. das Verkrampfen wandert so langsam in den unteren Bereich der Wade. So wie damals. Den „Heidelberg Halbmarathon“ am Wochenende kann ich mir wohl abschminken. Selbst wenn meine Beschwerden in den nächsten Tagen verschwinden sollten, bezweifle ich, dass es sinnvoll wäre, gleich wieder voll einzusteigen. Heidelberg wollte ich eh nur als harte Trainingseinheit zur Vorbereitung auf den Halbmarathon in Mannheim (12.05.) mitnehmen. Doch auch diese Teilnahme sehe ich gefährdet. Und selbst wenn, werde ich eine neue PB vergessen können.
Doch was kann ich noch tun? Eigentlich naheliegend, dass ich mal einen Sportarzt aufsuchen sollte. Doch ehrlich gesagt, habe ich mein Vertrauen in sogenannte Sportärzte verloren. Meine Erfahrungen vor drei Jahren waren nicht gerade gut. Ich erhielt lediglich Standard-Antworten à la „Pausieren“, „Dehnen“ und „Geduld“. Für Geduld brauche ich jedoch nicht zum Arzt. Keiner hatte sich für die Ursache interessiert. Ich wurde nie gefragt, welche Schuhe ich laufe, wie viel ich trainiere und ob ich etwas am Training geändert habe. Und vielleicht habe ich genau deswegen wieder Probleme mit der Wade. Aber ich gebe den Ärzten noch eine Chance. Ich habe nun u.a. einen Sportarzt (und Osteopath) in der Nähe ausfindig machen können, der selbst Läufer bzw. Triathlet ist und zu dem viele Läufer aus der Umgebung gehen. Vielleicht kann er mir ja weiterhelfen. Ich werde mich um einen Termin kümmern und werde berichten.

Mir kommt das Ganze wie ein böses „dèjá-vu“ vor.. 😥

8 Kommentare zu “Die Wade der Nation

  1. Henrik

    Das ist ärgerlich, Christian und natürlich richtig nervig für dich. Sieht aus, als wenn du eine „Psychowade“ hättest, die sich je nach Lust und Laune mal bemerkbar macht. Du hast es schon völlig richtig beschrieben: das einzige, was wirklich hilft, ist die Füße stillzuhalten. Alle anderen Mittelchen und Geheimtipps sind sicher nicht verkehrt (Spascupreel und Frischzelleninjektion habe ich u.a. versucht), aber ändern nichts Grundsätzliches außer unsere Ärzte und Apotheker zu bereichern. Die Bezeichnung „Sportarzt“ ist leider nichts wert in diesem Land. Wie stehst du zu Physiotherapie?

  2. Jana

    Ich habe inzwischen auch den ersten Lauf, Halbmarathon beim Oberelbemarathon in Dresden, gecancelt. Schweren Herzens, aber es macht keinen Sinn.
    Ich hbae zwar keine Schmerzen, aber es fühlt sich seltsam an. Als ob der Muskel in der Wade auf einmal 2-3 cm zu kurz wäre. Ganz langsam könnte ich sogar laufen, aber …
    Ich probiere im Moment Ibu + leichte Massage und Füsse stillhalten. Mal sehen was draus wird.

    Insofern wünsche ich uns zwei beiden und dem Wadenpaar (bei mir rechts) mal GUTE BESSERUNG!

  3. Running Twin Marek

    Das ist richtig zum Kotzen. Ich kann alles nachvollziehen, was du schreibst. Das NERVT ohne Ende. Mit Ärzten habe ich ja auch so meine Erfahrungen gemacht. Von totaler Ahnungslosigkeit bis zum sinnlosen Geldrauswurf kam da nix Vernünftiges bei heraus. Nun gut, ich habe es durch regelmäßiges „es muss doch wieder gehen“-Laufen anfangs eher noch verschlimmert. Bin ja noch einen Halben mit meinem Muskelfaserriss gelaufen. Blöd muss man sein. Aber Henriks Tip mit der Physio ist nicht so verkehrt: erst danach ging es bei mir bergauf (inkl. Ultraschall), alle anderen Maßnahmen hatten bei mir ebenso überhaupt keine Besserung gebracht. Ich drücke dir die Daumen!

  4. Armando

    Die PECH-Regel ist im akuten Fall eine gute Idee, aber nach drei – vier Tagen, d.h. wenn die Sache langsam in den chronischen Berich übergeht muss man mit Wärme beginnen. Die Kompression bei der PECH-Regel dient hauptsächlich dazu, dass sich z.B. bei einem Trauma die Schwellung oder Ödem nicht zu stark ausbreitet. Dadurch kann die Heilung schneller einsetzen. Medikamente lindern zwar in den meisten Fällen die Schmerzen, bekämpfen aber gerade bei Sportverletzungen selten die Ursache.
    Physikalische Therapie, also Physio ist die erste Wahl, der Physio kann dann auch gleich Ultraschall evt. in Kombination mit einem mittelfrequenten Strom machen.

    Ich wünsche dir auf jeden Fall gute Besserung.

  5. Eddy

    Mann, Mann, Mann, was für ein Mist! Ich drücke Dir beide Daumen, damit der Arzt, den Du Dir diesmal ausgesucht hast, entscheidende Tipps geben kann und dabei hilft, dass Du schnell wieder auf die Füße kommst! Mann, wie ärgerlich, so was… 🙁

  6. Supermario72

    Hallo Christian,

    wie Du weißt, ging es mir ja vor einigen Wochen ähnlich (siehe auch Blog). Insgesamt 6 Wochen Ausfall! 😯 Bei mir war es ganz klar eine Überlastung. Zu viel in zu kurzer Zeit.

    Seit Anfang April geht es wieder. Habe ganz vorsichtig wieder mit dem Laufen begonnen und allmählich gesteigert. Aber die „Angst“ läuft immer noch ein bisschen mit. 😐

    Was habe ich unternommen?

    Fast tägliches vorsichtiges Dehnen, nicht über Schmerzgrenze! Wirkung: ja.
    Massagen bei Physiotherapeut. Wirkung: ja.
    💡 Selbstmassagen mit „Blackroll“ (siehe Blog). Wirkung: ja.
    Kein Lauftraining, dafür Umstieg aufs Rad. Wirkung: keine Stoßbelastung für Muskulatur, dafür aber Kraftausdauererhalt. Gute Durchblutung der Muskulatur.
    Erstmalige Anschaffung von CEP-Kompressionsbeinlingen. Bei Belastung und Regeneration getragen. Auch hin und wieder nachts. Wirkung: gutes Gefühl. Gesamteindruck positiv. Wadenmuskulatur fühlt sich bei Belastung irgendwie frischer an.

    Ich denke, dass es sich bei Dir auch um eine Überlastung handelt. Dazu noch der spontane Einsatz des Kinvara 3. Und ggf. die beschriebene Schonhaltung wegen der Rückenprobleme. Das kann in Summe schon zu solch einem Ergebnis führen.

    Schon mal über Laufeinlagen nachgedacht? Trage ich auch. Könnte Dir in Köln einen Superladen dafür empfehlen! Der arbeitet mit vielen Rad-, Fußball- und Triathlonprofis zusammen.

    In jedem Fall gute Besserung!

    Grüße aus Köln!
    Mario

  7. Thorsten

    Hallo, das was Du beschreibst kenne ich aus eigener Erfahrung leider nur zu gut.
    Du hast, wie ich damals auch, das leihte verhärten schon ignoriert und damit wird es immer schlimmer bis Du jetzt den Salat hast.
    Die Probleme mit der Wade enstehen immer durch Überlastung. Auch wenn man das selbst nicht so empfindet oder wahr haben will. Auch kann es sein das Du eine Entzündung im Körper hast, die sich negativ auf dein Laufaparat ausgewirkt hat. Bei mir hat damals leider auch nur viel Zeit + die Einahme von Wobenzym geholfen ( Nein ich verdiene nix daran) Vielleicht solltest Du auch mal überlegen, falls Du das nicht eh schon machst, eventuell bei längeren Läufen Kompressionsstrümpfe zu tragen?
    Auch das was Supermario schreibt ist sehr gut. Wenn das Laufen erts mal nicht geht aufs Rad umsteigen. Ist ne andere Belastung und seine Laufkondition kann man damit nicht halten. Aber man erhält sich die Bewegungsroutine(Sport machen halt) und es fördert die Durchblutung des Muskels.

    Gruß und gute Besserung
    Thorsten

  8. Chris

    Das tönt nicht gut. Ich hoffe, dass deine Wade bald wieder so weit ist, dass du damit trainieren kannst. Traurig, dass der nächste geplante Wettkampf wohl ins Wasser fällt.

    Erstaunt hat mich beim Lesen deiner Details, dass du VOR dem Lauf dehnst? Ich bin mir bewusst, dass das kontrovers diskutiert wird, aber das wäre gar nichts für mich – wohl aber auch kaum die Mitursache deiner Laufverletzung.

    Gutes Beinehochlagern! Drück dir die Daumen.

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