Bericht „Halbmarathon Kandel 2018“

Bienwald-Stadion KandelNach dem 20km-Lauf vor vier Wochen in Rheinzabern (1:29:30) schwirrten in meinem Kopf viele Gedanken umher. Soll ich mich über die gute Form freuen oder wegen den fehlenden 1,1 Kilometern ärgern? Kann ich diese Leistung bei einem Halbmarathon nochmal abrufen? Mein Ziel war nun plötzlich nicht mehr einfach nur eine neue Bestzeit (< 1:36:06), sondern eine Sub1:35. Diese wäre ich in Rheinzabern mit Sicherheit gelaufen, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte. Eine gute Form kann einen auch unter Druck setzen.

Vor dem Lauf
Auf dem Plan stand ursprünglich der HM in Frankfurt, den ich bereits 2015 und 2017 gelaufen bin und dabei jeweils gute Zeiten erreichte. Doch am gleichen Tag fand auch der Bienwald-Marathon (mit HM) in Kandel statt, der den Ruf hat, eine extrem schnelle Strecke zu haben. Allerdings hörte ich auch mehrfach, dass diese eintönig und zuschauerarm sein soll. Da es mir um die Zeit ging und nicht um die Atmosphäre, konnte ich meinen Freund überreden, dass wir unsere Startplätze von Frankfurt weitergeben und uns in Kandel anmelden. Dass dort auch noch eine optionale Medaille angeboten wurde, freute mich zusätzlich.

Im Januar, Februar und auch Anfang März konnte ich für meine Verhältnisse relativ viele Kilometer laufen. Ich blieb verletzungs- und beschwerdefrei und wurde auch von der Grippewelle verschont. Natürlich bekam ich ca. 10 Tage vorher das übliche PRP (Pre-Race-Panic) und der Oberschenkel zwickte hinten plötzlich und im Hals kratzte es ein wenig. Also alles ganz normal.

Die Woche vor dem Lauf war leider etwas stressig. Lange Dienstreise, extrem verspätete Züge, Elternabend und Arztbesuch mit dem Junior. Doch das war vielleicht auch ganz gut, damit ich meine Erwartungshaltung ein wenig herunterschraube. Ich war nervös wie schon lange nicht mehr. In dieser Intensität das letzte Mal wohl beim Jungfrau Marathon 2014. Schrecklich!

Sonnenaufgang Heidelberg

Ich stand am Wettkampftag früh auf und genoss den tollen Sonnenaufgang. So kann ein Wettkampftag gerne beginnen. Dann fuhr ich rechtzeitig los und hatte somit keinen Stress vor Ort. Außerdem standen Outfit und Schuhe schon lange fest. Für mich eine absolute Seltenheit. Startnummer abgeholt, umgezogen und warmgelaufen. Ich war bereit.

Ich versuchte mich im Startblock leistungsgerecht einzuordnen, was jedoch nicht ganz einfach war. Stand ich nun im Startblock mit Zielzeit 1:20-1:30 oder war dieser vor mir? Die Schilder waren leider nicht ganz eindeutig und keiner wusste es so genau. Dann wunderte ich mich, dass ich keinen Sprecher hörte. Die Anlage gab den Geist auf. Auch egal. Kurzer Countdown, Startschuss, los geht’s!

Der Lauf
Die ersten 100-200 Meter ging es noch etwas eng zu, aber es hielt sich im Rahmen. Danach konnte ich langsam mein Tempo aufnehmen. Meine Uhr piepste und ich lief den ersten Kilometer mal wieder etwas zu schnell. Es kam mir zwar nicht vor wie eine 4:19, aber ich nahm trotzdem etwas Geschwindigkeit raus.

Kilometer 2-4 fand ich mein Tempo und lief diese konstant in 4:26, 4:26 und 4:24. Zwar würde eine 4:30 im Schnitt für eine Sub1:35 reichen, doch ich wollte mehr riskieren und es noch schneller versuchen. Bei Kilometer 5 dann die erste Verwirrung. Mein Forerunner piepste, doch vom Kilometerschild noch keine Spur. Erst ca. 50m später tauchte es auf. War dies nun falsch aufgestellt oder zeichnete meine Uhr falsch auf?

Natürlich lief ich dann die Kilometer 6 & 7 mit 4:18 und 4:19 unbewusst etwas schneller. Auch weil ich mich zwei Läufern anschloss, von denen ich das Gefühl hatte, dass sie mein geplantes Tempo laufen. Nachdem das Schild von Kilometer 7 erneut viel später kam, zogen auch diese beiden Läufer das Tempo an und ich passierte Kilometer 8 nach 4:13! Das war für mich eindeutig zu schnell und ich beschloss, sie ziehen zu lassen. Ansonsten wäre dieses Tempo mein Todesurteil gewesen.

Kurz nach Kilometer 9 (4:28) ging es im Wald auf eine ewig lange gerade Straße, die für Halbmarathonis einen Wendepunkt nach Kilometer 12 hatte. Die führenden Läufer kamen mir entgegen. Irgendwann auch mein Freund, der in einer kleinen Gruppe mitlief. Dies hätte ich mir für den Rückweg auch gewünscht. Die 10km-Marke passierte ich nach weniger als 44 Minuten. Ich war als bereits über eine Minute im Soll.

Das Zeitpolster beruhigte mich einerseits, andererseits hoffte ich, dass mir die Körner noch bis zum Schluss reichen. Aber ich wollte nicht zu sehr nachdenken und versuchte einfach konstant weiterzulaufen. Dies gelang mir mit 4:25 und 4:24 für die Kilometer 11 & 12 auch, doch nun folgte der Rückweg und der sollte recht einsam werden. Ich war wegen den geradeaus weiterlaufenden Marathonis plötzlich alleine. Zumindest war vor mir in erreichbarer Nähe niemand und selbst hinter mir waren nur ein zwei Läufer, die mir an mir dran waren.

Für die Kilometer 13 & 14 konnte ich das Tempo (4:24 und 4:25) noch halten. Doch ich spürte, wie die Beine so langsam etwas schwerer wurden. Kilometer 15 lief ich dann schon in 4:29. Nun ging es endlich von langen Geraden zurück in Richtung Kandel. Dieser Kilometerabschnitt hatte allerdings nicht gerade den besten Asphalt. Mit langsam ermüdeten Beinen nicht unbedingt angenehm zu laufen. Ich begann zur Ablenkung nun öfter im Kopf zu rechnen, welche Zeit möglich wäre. Die Prognosen klangen gut. Aber das war nur die Theorie. Die letzten 5 Kilometer mussten noch gelaufen werden. Und die hatten es echt in sich.

Die 4:27 und 4:29 für die Kilometer 16 & 17 waren ja noch ok, doch mit 4:32 für Kilometer 18 lief ich zum ersten Mal über 4:30. An sich war das noch nicht dramatisch, aber selbst dieses Tempo zu halten war nicht einfach. 4:31 und 4:34 für Kilometer 19 & 20 verdeutlichten dies. Die Beine wurden immer müder und schwerer und auch mein Puls stieg kontinuierlich. Ich spürte, ich ging echt ans Limit. Aber ich wusste nun auch, dass eine neue PB und eine Sub1:35 sicher ist, sofern kein Krampft oder ähnliches mehr dazwischenkommt.

Ich hörte das Stadion und dann war es kurz darauf auch in Sichtweite. Plötzlich rief jemand meinen Namen. Mein Freund lief mir seitlich entgegen und feuerte mich kräftig an. Jetzt nur ins Stadion rein und eine ¾ Runde laufen. Er gab mir noch den Tipp, beim Einbiegen auf die Tartanbahn aufzupassen, da diese rutschig ist. Ich nahm konzentriert die Kurve und ging die letzten 200-300 Meter an. Letzte Kurve und dann die Zielgerade. Ich gab nochmal alles, streckte die Arme in die Höhe und überquerte fix & fertig, aber überglücklich das Ziel. 1:33:28 – einfach nur geil!

Im Ziel
Als ich die Zielmatten überquerte, war ich richtig wacklig auf den Beinen. Total kraftlos musste ich mich erst einmal am Absperrgitter stützen. Dann kam mein Freund mit einem Becher Tee auf mich zu und beglückwünschte mich zu meiner Leistung. Er war beeindruckt von der mehr als deutlichen Verbesserung der alten PB. Und ich erst! ;-)

Da es doch recht kühl und windig war, hielten wir uns nicht lange im Zielbereich auf. Ich ließ nochmal meinen Becher auffüllen, schnappte ein Stück Banane und wir gingen dann auch schon zurück zur Halle. Zuvor holte ich aber noch meine Medaille ab. Die gab es leider nicht im Ziel, sondern im Zelt vor der Halle. Aber so tragisch fand ich das nicht. Die Medaille war ja optional. Dennoch hätte die Ausgabe auch im Zielbereich erfolgen können.

Nach dem Lauf
Wir holten unsere Taschen und gingen zur Umkleide in der Halle. Zwar war auf dem Plan von einer anderen Umkleide die Rede, doch dafür hätten wir die Halle wechseln müssen. Ich hatte das Gefühl, dass von dieser Umkleide in der Bienwald-Halle nur wenige wussten und so konnten wir in Ruhe eine heiße Dusche nehmen.

Danach ging es natürlich sofort an den Kuchenverkauf. Die Dame meinte es gut mit mir und gab mir von dem einen Kuchen zwei Stücke, weil diese ihrer Meinung nach etwas schmal geschnitten waren. Und so hatte ich schließlich insgesamt drei Stücke Kuchen auf dem Teller. Aber diese hatte ich mir auch mehr als verdient.

Wir plauderten gemütlich und gingen nochmal unseren Rennverlauf durch. Dann fand auch schon die Siegerehrung statt. Im Anschluss machten wir uns auf den Heimweg. Vom Parkplatz kam ich ohne jeglichen Stau und auch die Heimfahrt verlief ohne Probleme. Zuhause massierte mir mein Junior die Waden. Abends lud ich meine Familie zum Chinesen ein. Immerhin hatte ich ja was zu feiern. Mit einem feinen Single Malt ließ ich diesen schönen Tag ausklingen.

Fazit:
Kann man eine neue PB erzwingen? Ja, man kann. Sicher ist es angenehmer, wenn man ohne Erwartungshaltung in einen Wettkampf geht, aber nach dem 20er von Rheinzabern war dies einfach nicht mehr möglich. Ich wusste, ich hatte eine Sub1:35 drauf. Aber ich wollte insgeheim noch mehr. Ich wollte im Schnitt schneller sein als in Rheinzabern. Dass dabei am Ende sogar eine deutliche Sub1:34 dabei rauskommt, hätte ich dann aber auch nicht geglaubt.

Nein, ich lief keinen negativen Split. Ich war auf der zweiten Hälfte sogar eine gute Minute langsamer. Die ersten 10 Kilometer lief ich in 43:48, was einem Schnitt von 4:23 entspricht. Die restlichen 11,1 Kilometer in 49:40, was eine 4:29 bedeutet und somit meiner eigentlich geplanten Pace entspricht. Für einen kurzen Moment rechnete ich im Kopf hoch, welche Zeit möglich gewesen wäre, wenn ich bei ein paar Kilometern auf der zweiten Hälfte das Anfangstempo hätte halten können. Aber diesen Gedanken ließ ich auch schnell wieder fallen. Es war am Ende nicht mehr möglich.

Sicher, ich ging die erste Hälfte vielleicht etwas zu schnell an. Aber ich glaube nicht, dass ein verhaltener Beginn am Ende eine bessere Zeit gebracht hätte. Ich wollte volles Risiko gehen und mir am Ende nicht vorwerfen, ich hätte nicht das Bestmögliche rausgeholt. Nein, ich hatte alles riskiert, alles gegeben und alles gewonnen. Ich finde, das Zielfoto drückt dies deutlich aus.

Nach beinahe 11 Laufjahren weiß ich, dass für eine neue PB alles stimmen muss. Die Form, das Wetter, die Gesundheit, die Verletzungsfreiheit, die Strecke, der Rennverlauf und noch manches mehr. Rückblickend betrachtet traf eigentlich alles fast zu 100% zu. Daher weiß ich dieses Ergebnis um so mehr zu schätzen.

Die Veranstaltung ist super organisiert und wer auf eine neue Bestzeit aus ist, der kann sich auf eine absolut flache Strecke freuen. Allerdings ist unterwegs echt tote Hose. Außerhalb vom Ort standen lediglich an einer Stelle ein paar Zuschauer. Das war’s. Da ich mich nur auf mein Tempo konzentrierte, war mir das egal. Einfach so würde ich in Kandel allerdings nicht nochmal laufen.

Wie geht es nun weiter? Ich kann mir gut vorstellen, dass ich durch gezielteres Training das Tempo der ersten 10 Kilometern bis zu Ende durchhalten kann. Dann wäre eine Sub1:33 durchaus möglich. Doch mit dem Halbmarathon habe ich für die erste Saisonhälfte erst einmal abgeschlossen. Vielleicht gehe ich das Ganze im Spätsommer bzw. Herbst nochmal an.

Gerne würde ich meine 10km-PB (42:26) angreifen und unter 42min laufen, doch ich habe noch keinen passenden Lauf gefunden, der mir zusagt. Zwar starte ich auf der Distanz im Mai beim Dämmermarathon in Mannheim, aber da darf es dann nicht zu warm sein. Ansonsten wird dieses Ziel auf den November (Hockenheimringlauf) verschoben. Mein nächster Lauf wird der Heidelberg Halbmarathon sein, den ich mehr als harten Trainingslauf sehe und zudem auch etwas für’s Auge bietet.

weitere Berichte im Netz:
-> Getfitter

Daten zum Lauf:

6 Kommentare zu “Bericht „Halbmarathon Kandel 2018“

  1. Rubem

    Hallo Christian,

    Super durchgezogen. Mutig angelaufen, sehr sehr mutig. Mit einer zu schnellen ersten Hälfte bin ich nach sehr schlechten Erfahrungen in Karlsruhe und Stuttgart sehr vorsichtig, aber das war ja bei dir alles noch im kontrollierten Bereich. bin gespannt ob und wann du diese Bestzeit erneut verbesserst. Wie ist deine Einschätzung zu Kandel? Gerne Mal wieder oder ein Mal und nie mehr?

    Viele Grüße Ruben

    1. Brennr.de Autor des Beitrags

      Danke! Wie Du sagst, die erste Hälfte war tempomäßig grenzwertig, aber gerade noch kontrollierbar. Ich wollte es einfach darauf ankommen lassen.
      Meine Einschätzung zu Kandel? Wenn man Bestzeit laufen möchte und einem Attraktivität und Zuschauer egal sind, dann ist Kandel zu empfehlen. Aber einfach so, ohne PB-Absicht, würde ich dort nicht laufen.

  2. Schmacko

    Herzlichen Glückwunsch, Christian!

    Eine neue persönliche Bestzeit zu erzielen ist so selten; vergleichbar mit dem Gewinn einer Meisterschaft…;-)

    Es ist die Belohnung für all die Quälerei im Training und Opfer, die man gebracht hat. Schön, daß es derart toll geklappt hat und Du Deinen Rennplan durchziehen konntest.

    Knapp 3min Verbesserung ist eine enorme Steigerung – sehr, sehr stark!

    Mal sehen, was das Jahr noch bringt…

    Bis demnächst,
    Schmacko

    1. Brennr.de Autor des Beitrags

      Dankeschön!
      Tja, bzgl. Meisterschaft hast Du mir etwas voraus. ;-)
      Dass es mit der PB geklappt hat, ist echt erleichternd.
      Meine 10er-PB möchte ich dieses Jahr noch gerne angehen.

    1. Brennr.de Autor des Beitrags

      Ich danke Dir! Spannend war die Strecke nicht, das stimmt. Und die Zuschauer fehlten mir eigentlich nur auf den letzten 5 Kilometern, als es hart wurde und ich in ein kleines Tief kam. Ansonsten war ich sehr auf mich selbst fokusiert.

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